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Pioniere des Automotive User Interface Design

Pioniere des Automotive User Interface Design

Pionier ist ein Wort, das aus einer anderen Zeit zu stammen scheint. Heute ist man Startup und entwickelt disruptive Produktinnovationen, die ganze Industrien verändern. icon incar kann behaupten, beides zu sein, und hat sich auf dem Weg dahin mehrfach neu erfunden.

Mit Gulden Design startete 1975 ein Design-Studio, das vornehmlich Audi dabei half, gegenüber den etablierten Marken Mercedes-Benz und BMW Boden gutzumachen und letztlich das Image des Biedermanns und des Oberlehrers abzulegen. Ein wenig ironisch scheint es dabei schon, dass Florians Mutter – Christine Gulden – die treibende Kraft war, wohingegen sein Vater tatsächlich als Lehrer genau diesem altbackenen Kundenimage entsprach. Theoretisch. Denn praktisch wuchs er irgendwo zwischen einer mannsgroßen Reprokamera, X-ActoMessern, Tapes, mit Aceton getränkten Markern und einem sehr dynamisch beklebten Golf GTI auf, den der Vater vornehmlich über möglichst enge Autobahnkurven heizte.

Diese 40 Jahre vor der Umfirmierung in die icon incar GmbH haben einen großen Anteil an unserem Erfolg. Bevor der Begriff Automotive User Interface Design überhaupt entstand, wurde in einem Dachgeschoss eines Wohnhauses nördlich von Ingolstadt all das schon einmal irgendwie gemacht. Ohne Computer, ohne Internet aber mit unendlich viel Hingabe.

So entstanden ganze Generationen von Kombi-Instrumenten für diverse Audi-Modelle. Die Grafiken für diese Joghurtbecher (das bedruckte Material ist identisch damit) wurden händisch gezeichnet. Letraset-Buchstaben wurde aufgerubbelt, Zeiger mit farbigen Tapes aufgeklebt und schließlich das ganze als Weißhöhung auf dunklem Karton präsentiert. Bei den neueren Kombis kam noch ein Mäusekino hinzu, das alle Warnmeldungen in farblich abgesetzten Kammerleuchten anzeigen konnte. Nach ein oder zwei Entwurfsrunden erfolgte dann die Reinzeichnung im vierfachen Maßstab. Auch hier wurde alles per Hand gezeichnet und mittels einer gigantischen Reprokamera im hauseigenen Labor auf die finale Größe herunterskaliert. Der resultierende Film war die Vorlage für die Massenproduktion.

Ein weiteres großes Thema war die gesamte Produktgrafik im Innenraum (Piktogramme) und am Exterieur. Ikonen wie der quattro-Schriftzug – übrigens eine Ableitung der Eurostile – wurden zunächst gezeichnet und dann in feinster Handarbeit als Prototypen erstellt. Dabei hat sich die Designerin irgendwann in den späten Achtzigern ihr eigenes Denkmal geschaffen. Wer kann schon behaupten, den längsten jemals in Serie produzierten Heckschriftzug aller Zeiten entworfen zu haben? Der Audi 200 turbo quattro 20V kann nicht übertroffen werden, weil die Autos seitdem nicht mehr breiter wurden.

Daneben entstanden über die Jahrzehnte hinweg dutzende Armbanduhren, Felgen, Lenkräder und Beklebungen. Das Audi-Sport-Branding auf diversen Rallye-Fahrzeugen und Helmen der Gruppe B dürfte vor allem den älteren Semestern noch bekannt sein.

Ein besonderes Highlight ist und bleibt aber eines der ersten Digital-Kombis, das in den späten 80er- und frühen 90er-Jahren in den Audi Sport quattros zum Einsatz kam. Bestehend aus einzelnen Segmenten mit Lötstellen im Starkstromformat war dies eine der ersten interaktiven Mensch-Maschine-Schnittstellen in einem Auto überhaupt. Ein ganz schön abgefahrener Bordcomputer konnte unter anderem Warnungen vorlesen und alle fahrrelevanten Werte für den ambitionierten Hobbypiloten einblenden.

Dann kam der Computer. Plötzlich waren es nicht mehr sechs Wochen pro Entwurf, sondern fünf Tage. Die Reprokamera war obsolet. Letraset ging pleite. Man konnte nun 25 Schriftarten in einem Entwurf verwursten und Überschriften in Comic Sans schreiben.

Für Gulden Design wurde es Zeit, sich zu verändern. Zwar wurden auch weiterhin Piktogramme, Schriftzüge und Kombi-Instrumente entworfen, aber auch immer mehr für rein digitale Anzeigen gestaltet – eine Entwicklung, die letztlich 2007 in die Gründung der icon incar GmbH mündete.

Für viele mögen die Gestaltungsaufgaben unserer Zeit viel spannender sein. Wir denken, dass der Blick zurück sehr hilfreich ist. Grundlegende technische Zusammenhänge treten heute zunehmend in den Hintergrund, was häufig zu überzogenen Erwartungshaltungen oder fehlendem Problembewusstsein führt. Bloß weil ein Desktop-Computer etwas sauber darstellt, heißt das lange noch nicht, dass die Qualität im Produkt in Ordnung ist.

Zum anderen verleiten aktuelle Software-Tools dazu, sich schnell in epischen Entwurfsorgien zu verlieren, anstatt erst einmal die Aufgabe genau zu definieren sowie zielgerichtet und mit wenigen Iterationen an Lösungen zu arbeiten. Dieses Schrotflintenprinzip ist weit verbreitet und führt zu Ergebnissen, die nicht nachhaltig sind, weil sie ohne Fundament entstanden.

Auf der anderen Seite freuen wir uns, dass mit dem Prototyping wieder eine handwerkliche Komponente Einzug hält und das unmittelbare Erleben wieder Teil des Entscheidungsprozesses wird.

Außerdem ist es extrem erstrebenswert, Produkte zu gestalten, die eine Halbwertszeit wie ein quattro Schriftzug haben. Denn der hat sich in den letzten 40 Jahren nur marginal verändert.