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»Neue Welten. Neue Technologien.« Meine Diplomarbeit bei icon incar

Diplomarbeit

MEIN TOR ZUR WELT: ICQ

315148150 – Ich kann sie immer noch auswendig. Die Nummer hat mich mit der Welt vernetzt, obwohl ich nur gerade mal dreizehn Jahre alt war. Sie hat mir die Möglichkeit gegeben, mit Freunden der Stadt in Kontakt zu bleiben, mit Leuten aus anderen Ländern und anderen Kontinenten – Leute deren Gesichter ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Durch diese Nummer war es mir möglich schon in meiner frühen Jugend eine Webseite mit mehreren tausend Besuchern pro Monat zu betreiben, einen Gaming-Clan zu leiten und den Kontakt zu fernen Freunden zu halten.

Vor einiger Zeit habe ich versucht mich wieder anzumelden, doch leider wurde der Account gelöscht. Damit sind nicht nur ein paar Daten auf irgendwelchen Servern verschwunden, sondern auch eine Identität. Doch auch wenn diese Daten nicht mehr existieren, wird wohl das eine Geräusch, das durch meine billigen Computerboxen neben dem sperrigen Röhrenmonitor schepperte, nie vergessen werden. Wenn ich eine neue Nachricht erhielt ertönte ein »ahh-ooh« und ich öffnete ICQ.

»AHH-OHH« UND »BOBB-BLING«

Seit dieser Zeit hat sich viel getan. Handyverträge wurden billiger und Smartphones populärer. Der Röhrenmonitor wurde durch eine schmalere und leichtere Variante ausgetauscht und die Computerleistung, die damals noch durch dröhnende Lüfter in eierschalenfarbenen Gehäusen gekühlt werden mussten, sitzt nun in einem eleganten, schwarzen Zylinder mit blauem Rand, der sich nun Amazon Echo nennt. Statt des brummenden Geräusches der alten Lüften kommt einem eine angenehme Stimme entgegen. Was jedoch noch an früher erinnert, ist das »ahh-ohh« von damals – nur seine Form hat sich geändert. Das Smartphone lässt stattdessen »bobb-bling« ertönen, macht sich durch leichte Vibrationen in der Tasche bemerkbar oder eine Computerstimme namens Siri fragt »Wie kann ich Ihnen helfen?«. Da wir nicht mehr nur am Computer sitzen, sondern gemütlich bei einem Wein mit Freunden plaudern, Filme schauen oder durch das Kuchenbacken klebrige Hände haben, haben wir inzwischen andere Erwartungen, wie wir unsere Nachrichten erhalten wollen.

VOM PRAKTIKANT ZUM DIPLOMAND ZUM PROJEKTMANAGER

Im April 2016 kam ich nach München, um mein Praktikum bei icon incar zu beginnen. Die spannenden Projekte, der Tischkicker, das gemeinsame Kochen und Essen und vor allem das großartige Team haben dafür gesorgt, dass ich auch nach den geplanten sechs Monaten länger in der Agentur bleiben wollte. Glücklicherweise wurde mir die Chance geboten, meine Abschlussarbeit des Studiengangs Kommunikationsdesign der Hochschule Darmstadt bei icon incar zu schreiben und so stürzte ich mich in das Abenteuer Diplomarbeit.

Ich recherchierte und testete, feilte an dem Mission Statement, skizzierte und editierte, und ich überlegte, wie man die Zukunft besser gestalten könne. Mein Thema war »Neue Welten – Neue Technologien« und ich konzentrierte mich auf Push-Benachrichtigungen im Smart Home Kontext. Meine Recherchen zeigten, dass Nutzer von Smartphones ein gemischtes Verhältnis zu Push-Benachrichtigungen haben. Einerseits ist man sehr froh, wenn man informiert bleibt – die Angst, eine Nachricht zu verpassen, hat in viele Leben eingegriffen und so bleibt das Handy nur selten unangetastet liegen. Andererseits kann es aber auch sehr störend sein, wenn sich das Handy gerade dann meldet, wenn man die heißen Pizzakartons auf der einen Hand jongliert, während man mit der anderen Hand das restliche Kleingeld für den Pizzaboten heraus zu kramen versucht. Das aktuelle Problem der Thematik liegt darin, dass sich die Geräte dann zum Wort melden, wenn die Informationen eintreffen. Das kann eine Textnachricht sein, eine Erinnerung mit festgelegtem Zeitpunkt oder die Tatsache, dass die Youtuberin, deren Namen man nur in einer schrillen Stimme aussprechen kann gerade live auf Instagram streamt. All das geht vom Sender aus, geht nicht aber auf den Empfänger ein.

Mit einem »Priority«- oder »Do not Disturb«-Modus wurden schon die ersten Schritte gemacht, mit IFTTT und anderen Services lassen sich schon jetzt Automatismen programmieren; bei den Smart Home Produkten wird unter anderen inzwischen von »Szenen« gesprochen. Das alles geht in eine erkennbare Richtung, doch wenn wir das Große und Ganze betrachten, wird sehr schnell klar, dass wir erst am Anfang sind. In einer Welt, in der alles smarter wird, wird früher oder später das nervige »ahh-ohh« durch einen dezenten und angenehmen Butler ersetzt, der die Situation des Nutzers erkennt und darauf hin abgestimmt entscheidet, ob man gestört werden sollte oder lieber nicht. Bis es soweit ist, werden wir dem alten »ahh-ohh« noch in vielen verschiedenen Gestalten begegnen.

Inzwischen arbeite ich übrigens als Projektmanager bei icon incar. Nachdem ich meine Diplomarbeit abgegeben hatte, erhielt ich das Angebot dort zu bleiben – natürlich entschied ich mich dafür, denn die Möglichkeit, User Interfaces und Experiences der Zukunft direkt mit gestalten zu können, wollte ich mir nicht entgehen lassen. Und so summt das Smartphone ab und an auf dem Schreibtisch, während ich versuche, mich davon nicht ablenken zu lassen und meiner neuen Arbeit nachzugehen.