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PUSH IT!

Auf der zweitägigen Münchner push conference traf sich die Kreativbranche dieses Jahr schon zum siebten Mal in kleiner Runde, um facettenreichen Fachvorträgen zu lauschen, Design zum Anfassen zu erleben, um nebenbei ein ziemlich umfangreiches Buffett zu eliminieren und bei ein oder zwei Bierchen am Abend zu netzwerken.

ACTS OF LOVE
Wir waren besonders stolz darauf, dass unser Chief Petrolhead Florian Gulden als Speaker eingeladen wurde, um einige höchst persönliche Insights aus der kreativen Arbeit für die Automobilbranche zu präsentieren. Was er da alles aus dem Nähkästchen geplaudert hat, soll in Kürze im Web als Video zur Verfügung gestellt werden. Bis dahin legen wir Euch seine umfang- und aufschlussreiche Präsentation ans Herz, möchten es aber trotzdem nicht missen, Euch mit ein paar Teasern neugierig zu machen:

  1. Der neue Ford Mustang ist mit einem Line Lock Feature ausgestattet, welches jetzt im Interface auch eine visuelle Referenz erhalten hat. Schaut es Euch unbedingt an, die Kunden lieben es (und wir auch)!
  2. Custom Color Settings im In-Car-Interface stehen hoch im Kurs. Jede nur denkbare Kunden-Wunsch-Farbe zu berücksichtigen, stellt Marken und Designer allerdings vor große Herausforderungen.
  3. 9241-210: Das ist keine Telefonnummer, sondern die ISO Norm „Human-centred design for interactive systems“, die User Experience umfassender versteht als so mancher Branchen-Insider.
  4. „Designers equal Plankton“, was für eine wunderbare Metapher! Beide können aus Nichts etwas erschaffen. Nur leider möchte niemand auf Dauer am Ende der Nahrungskette stehen. Womit wir zum fünften Punkt kommen:
  5. „It’s really hard to find people who burn to execute the actual craft of design nowadays“. (Geht euch dieser Satz nahe? Hier findet ihr unsere Stellenausschreibungen.)

Wer von Florians Thesen zu hellen und dunklen Kräften gepusht war, konnte uns an unserem Stand besuchen – und sich dort per voice control einen Kaffee zubereiten lassen, mit der Hololens in die Welt des autonomen Fahrens eintauchen, der Oral-B App auf den Zahn fühlen… oder sich einfach mit unseren Kollegen von icon incar und iconmobile über Designtrends austauschen.

Neben diesem »icon-Input« lockten viele spannende Vorträge, die die push Konferenz jedes Jahr zu einer lohnenswerten Veranstaltung machen. Wir stellen Euch unsere persönlichen Highlights vor.

 

»EMBRACING FRICTION«
Zoltan Kollin von IBM sprach höchst unterhaltsam über »Friction« (kurz erklärt: überraschende, also nicht-intuitive Ereignisse bei der Nutzung von Bedienoberflächen). Spontan würden viele Designer behaupten, Design würde durch langsame Interaktionen zerstört werden und man solle den User einfach, verständlich, ohne viel Aufwand, schnell und effizient zum Ziel lotsen – das sei schließlich gutes UX-Design. Denn wer bitte möchte sich beim Öffnen einer Nachrichten-Website erstmal durch zig Meldungen klicken (Autoplay-Button stumm schalten, Desktop Notifications ausschalten, Cookies Vereinbarungen wegklicken und nein, den täglichen Newsletter möchte man auch nicht abonnieren, um dann ENDLICH den Artikel lesen zu dürfen?
Kollins stellte die Gegenthese auf und führte uns vor Augen, dass Friction auch äußerst hilfreich sein kann. Hier zwei von einigen vielen schöne Beispielen aus Kollins Vortrag (mehr gibt‘s hier).

»Protecting by Friction«
Jeder kennt diese kleine Rückfrage, ob man sich wirklich sicher sei, gewisse Dateien zu löschen. Im Grunde genommen schreit dieses Pop-up-Fenster jedes Mal: „ARE YOU SURE? ARE YOU REALLY, REALLY SURE?“ und der „Cancel“-Button steht ist klickbereit gehighlighted. Der User wird aus seiner „Klick-Routine“ rausgezerrt – und so im Zweifelsfall davor geschützt, eine wichtige Datei unvorsichtig zu löschen. Als Beispiel verweist Kollin auf den falschen Raketenalarm auf Hawaii, der alle Bewohner für 38 Minuten in Panik versetzte:„Bedrohung durch ballistische Rakete Richtung Hawaii. Sofort Schutzraum aufsuchen. Dies ist keine Übung.“ Diese Meldung wurde über das Notfallalarmsystem Amber Alert verschickt, welches die US-Behörden landesweit zur Verbreitung wichtiger Mitteilungen nutzen. In der Tat handelte es sich hierbei lediglich um einen internen Test, ein Mitarbeiter hielt ihn für echt und schickte die Meldung raus.
Hier wäre eine kleine Warnung mit – zum Beispiel: „Wollen Sie diese Nachricht wirklich an 1.218.783 Menschen senden? Sind Sie sich wirklich sicher?“ äußerst hilfreich gewesen, um den Schritt nochmal kurz zu überdenken.

»Annoying, but in a nice Way«
Kollin berichtete von einem gelungenen Beispiel für »Friction in real life«:  An einem Flughafen dauert der direkte Weg vom Ankunfts-Gate zur Gepäckausgabe acht Minuten. Leider dauert es aber sehr viel länger, bis alle Koffer ausgeladen sind und auf dem Gepäckausgabeband landen. Passagiere waren genervt von der langen Wartezeit am Band.
Der Weg von A nach B wurde dann künstlich durch diverse Umleitungen verlängert. Die Passagiere waren durch den langen Weg beschäftigt und hatten eine kürzere Wartezeit am Band.  („The busier people are, the faster time goes by.”)

Wir sehen also, dass Friction, wenn sinnvoll eingesetzt, die Entscheidungen, Handlungen und Gefühle der User sogar positiv beeinflussen kann.
Es geht um die richtige Menge zur richtigen Zeit. Bitte nicht übertreiben.

 

»DESIGN IN THE ERA OF THE ALGORITHM«
Ein besonderes Schmankerl für den fortschrittsskeptischen Zyniker war der Vortrag von Josh Clark, der in sehr pointierter Weise die Mankos eines Systems aufzeigte, das auf Machine Learning basiert. Dabei spannte er einen Bogen über Microsoft Cognitiv Services – durchaus hilfreich, wenn man den Grad der „Happiness“ bis auf die siebte Nachkommastelle analysieren will –  über die little or bigger mistakes von sprachbasierten persönlichen Assistenten und deren verhängnisvolle Reaktion auf Southpark Episode 01, Season 21 (Selbstexperiment auf eigene Gefahr), bis hin zur banalen Frage „Why are Firetrucks red?“ (Let me google that for you; 2.tes Suchergebnis).
Clark zeigt damit die verhängnisvolle Selbstsicherheit auf, mit der das System Antworten präsentiert, also auch den Mangel an Indikatoren für den Wahrheitsgehalt bzw. Confidence-Faktor der Informationen – die oft nicht hinterfragt und als wahr angesehen werden. So wird die Frage „Hey Google, are women evil?“ mit einem klaren „Yes“ beantwortet. Man kann diese Antwort mit etwas Humor abtun. Kritischer ist es, wenn schwarze Menschen als Gorillas getagged werden, wenn ein automatischer Wasserhahn nur auf weiße Hände reagiert, wenn Google weibliche Stimmen nicht versteht. Das stellt den Stellenwert ganzer gesellschaftlicher Gruppen in Frage. Der zugrunde liegende Algorithmus gibt hierbei – in mehr oder minder zugespitzter Form – lediglich bereits vorhandene gesellschaftlichen Ungleichheiten wider und zeigt die Schwachstelle des Machine Learning: den Menschen. Nach dem Motto „Garbage in, garbage out“.
Josh Clark stellt die Verantwortung der einzelnen Gruppen in den Fokus: Entwickler, Designer und Anwender. „Design for Failure and Uncertainty“ – Datenpräsentation, die Unsicherheiten zugibt und veranschaulicht; Entwicklungsteams, die divers sind und damit alle gesellschaftlichen Gruppen bereits im Entwicklungsprozess inkludieren. Den Endverbraucher, der Informationen mit Skepsis aufnehmen sollte: Bei einem Großteil der Daten handelt es sich um Algorithmus-generierten Content, und ein Algorithmus mit den Parametern „ethische Werte“ und „moralische Grundvorstellung“ wurde offenbar noch nicht hinterlegt.

 

»FROM BEAUTIFUL MAPS TO ACTIONABLE INSIGHTS«
Shan He, die bei Uber als Datenvisualisiererin (vielleicht doch lieber englisch: Data Visualization Engineer) arbeitet, erzeugte bei uns ein ganz besonders großes »Wow«.
Ein Team von Spezialisten verwertet Ubers wertvollstes Gut: Unmengen von Geodaten über die weltweite (Uber-)Mobilität. Die Daten werden gesammelt, weiterverarbeitet, in Formen, Farben etc. codiert  und zum Schluss visualisiert – um damit was zu machen? Die Aussagen der „Beautiful Maps“ strategisch in die Unternehmensentwicklung einzubeziehen, um natürlich weiterhin das zu bleiben was Uber ist: Ein weltweit extrem erfolgreiches Unternehmen, das versucht, alle nur erdenklichen Bereiche im Mobilitätssektor abzudecken und Nummer Eins zu sein. Kritiken, Kontroversen und Skandale natürlich mit eingeschlossen.
Die für den Verbraucher „unüberschaubare Welt der Datenweiterverarbeitung“ ist eine eher heikle Seite des Data Visualization Engineering Metiers. Die andere, sehr faszinierende Seite ist dagegen, dass Daten, also Informationen, also Zahlenkolonnen, also mäßig spannende Teile in Gebilde übersetzt werden, deren Ästhetik man sich nur schwerlich entziehen kann. Die Karten sind fast schon amorphe Gebilde, die weltweite Strömungen in einer Gesamtheit aufzeigen können. Komplexe Strukturen werden auf eine einzigartige Weise sichtbar gemacht: WOOOOWWWW!

 

»DIGITAL LUXURY«
Eine weitere Vortragsperle kam von Kevin Cannon, der bei Frog Design arbeitet und sich die Frage stellt, ob es DEN digitalen Luxus gibt – vergleichbar zu Luxusgütern in der materiellen Welt. Ihm geht es dabei vor allem darum herauszufinden, was digitalen Luxus eigentlich ausmacht: Service? Exklusivität ? Preis? Material? Einzigartigkeit? Seltenheitswert? Oder ergibt alles zusammen den ultimativen Luxusartikel? Dabei versucht Cannon, für jedes Kriterium adäquate Beispiele in der digitalen Welt zu finden (die mal mehr oder weniger passen) – und kommt zu der interessanten These, dass die digitale Produktentwicklung und deren enorme Skalierbarkeit, die Verfügbarkeit für mehr oder weniger alle, der eigentliche Luxus unserer Zeit ist.
Beispiele: Spotify: Sowohl Produkt, Vertrieb wie auch Angebot sind digital und es steht jedem eine unglaubliche Musikdatenbank zur Verfügung. Alexa oder Google: Jedem kann ein persönlicher Butler zur Verfügung stehen oder ein Chauffeur beim autonomen Fahren.
Das heißt also, dass Technologie Luxus für jeden zugänglich macht. Aber auch im digitalen Zeitalter gilt, was immer schon gegolten hat: Luxus wird je nach kulturellen Gegebenheiten, Lebensumständen und Perspektiven absolut subjektiv  beurteilt und entzieht sich damit jeglicher Verallgemeinerung. JA!

 

– Dies ist nur ein klitzekleiner Auszug aus dem Gesamtprogramm der diesjährigen push conference gewesen… Wir wurden schwer inspiriert. Merci beaucoup und bis nächstes Jahr!