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TOCA ME Designkonferenz – 10 Stunden Mast für’s Hirn

Durchgefroren und in freudiger Erwartung traf sich an einem Samstag im März ein bunt gemischtes Völkchen aus Kreativen und vielleicht auch weniger Kreativen in der alten Kongresshalle in München zur diesjährigen TOCA ME Designkonferenz. Das Programm versprach eine bunte Mischung. Wir waren sehr gespannt.

Licht aus. Los geht’s.

ANALOGES UND DIGITALES IM ZUSAMMENSPIEL

Den Anfang machte Materia bestehend aus Susi Sie und Remo Gambacciani, zwei Designer im analogen und digitalen Zusammenspiel, die auch die offiziellen Opening Titles for TOCA ME 18 produziert haben. Susie Sie, inspiriert durch verschiedene organische Materialien und Formen, experimentiert mit Flüssigkeiten und filmt dieses ab. Alles analog. Keine Animationen. Keine nachträglichen Effekte. (She does what she loves. And loves what she does).
Dann übernimmt Remo Gambacciani den digitalen Part. Er zaubert aus Susis Aufnahmen am Computer surreale Landschaften. Und das ganze funktioniert! Unterlegt mit Musik von ECHOLAB wird man in einen digitalen Bann von Naturgewalten gesogen….. SLURP.

BRITISCHER HUMOR IN PAPPMACHÉ

Dann kommt mit Wilfried Wood, als nächster Programmpunkt, wieder ein bisschen mehr Bodenständigkeit auf die Bühne. Klassisches Grafik Design Studium in London. Klingt ja fast schon etwas langweilig. Und genau das fand er auch. Eigentlich hatte er schon immer eine Leidenschaft für die Bildhauerei und über einen Freund kam er zu einem Job: Für ein Satire Magazin im Fernsehen (Splitting Images) sollte er riesige Latexköpfe bauen. Danach machte er sich selbstständig, bastelt und baut seitdem aus Pappmaché Karikaturen und Skulpturen von Menschen und Tieren…mit lustigen Details, Humor und Sarkasmus.
Britischer Humor? Anyway…

BACK TO THE ROOTS

Nach einer Pause (waaaas, noch 4 Vorträge?) trat Patrick Thomas an. Kompakt, karierte Hose und mit einer gehörigen Portion englischem Understatement (»Oh, I’m not the funny guy…«). Grafiker, Künstler, Autor, Dozent undundund. Neben seinen kommerziellen, grafischen Arbeiten, die in irgendeiner Art und Weise fast jedem geläufig sind (z.B. Logogestaltung Desigual), sind seine freien, experimentellen Arbeiten einfach großartig. Durch Verfahren wie Siebdruck, Verfremdung von Gegenständen (z.B. Schießzielscheiben), Recycling von Abfallprodukten (Kartonagen, Zeitungen) in Kombination mit Farbe lässt Patrick Thomas wunderschöne (Plakat-)Reihen entstehen, die im Gedächtnis bleiben und sowohl den Blick auf Alltags-Ästhetik schärfen wie auch Lust auf (hand)werkendes Arbeiten machen. Back to the roots!

Kurzes Päuschen. Schon 18.30h, ok, also schnell ein Glas Weißwein an der Bar organisieren, weiter geht’s.

UNVERWECHSELBARE ÄSTHETIK

Malika Favre: Ein absolutes Highlight. Eine in London lebende französische Illustratorin so sympathisch, so eigen und so unverwechselbar in ihrem Stil: Grafische, farbenstarke Illustrationen die aus klaren Rastern, Mustern, Formen, Licht, Schatten, positiv, negativ bestehen und oft mit einem „Twist“ versehen sind.
Zeitkritisch, politisch, feminin sind die Attribute mit denen sich besonders ihre Arbeiten für The NewYorker beschreiben lassen. Aber daneben existieren ihre einerseits unglaublich humorvollen wie auch sehr feminin idealisierenden „sexy“ Arbeiten, die wie sie selbst sagt, schon immer eines ihrer Steckenpferde gewesen sind.
Malika Favre lenkt das eigene Augenmerk durch ihr unglaubliches Gespür für Farbe, Farbkombinationen und  Muster in ein grafisches Sehen der Alltagswelt, deren Ästhetik man sich nicht entziehen kann.

Längere Pause, alle stürmen gleichzeitig raus, und machen alles, was man so macht.
20.00h, man ist schon ein bisschen müder geworden. Sooooo viel Talent, Können, Erfolg, Eloquenz, Selbstsicherheit, Selbstüberzeugung… Hui!

BEAUTY IN CODE

Jetzt ist Jared Tarbell dran. Sehr speziell, sehr amerikanisch, sehr sympathisch.
Ganz einfach: Er kreiert seine eigene Kunst durch programmieren: »Beauty in Code«.
Komplizierter: Jared Tarbell erzählt die Schöpfungsgeschichte anhand seiner sich verselbstständigen fraktalen Pixelstrukturen.
Er hat es allen Nicht-Programmierern sehr einfach und verständlich erklärt, hat sich aber auch zu fortgeschrittener Stunde etwas zu sehr in der Schönheit der Algorithmen verloren. Zwischen seeeehr theoretisch und das-verstehe-ich-absolut, war es faszinierend festzustellen, welch abstrakteren und mathematischeren Zugang zur Kunst Jared Tarbell gegenüber seinen Vorrednern hatte, dennoch münden fast all seine Arbeiten ins Organische. Wie z.B. ein sehr schönes Projekt mit seiner neuen Firma  levitated, die im Lasercut-Verfahren komplizierte Objekte aus Naturmaterialien herstellt.

Puuhhhh, schon 22.00h und noch ein Vortrag, das Hirn wird schon seit dem frühen Nachmittag pausenlos gemästet.

CHARMANTER SOZIOPATH

Aber, als letzter Vortragende ist Mr. Bingo an der Reihe. Er kommt in rosa Shorts auf die Bühne. Wieso nicht. Wir finden ihn super (schon mal einen Vortrag mit ihm vorher gesehen). Er sich auch. Und als Hauptact zieht er natürlich eine perfekt getimte Show ab: Super witzig, super interessant, super selbstüberzeugt und mit einer gewissen „britische Infantilität“  (We like!)
Erst stellt er die Regeln während des Vortrags klar:
1. If you need to heckle, FUCK OFF
2. If you get bored, FUCK OFF
3. If you don’t understand anything, you are stupid
4. (Ach, zu lang zum Aufschreiben)
5. If I rap, clap

Dann nimmt er uns mit und führt uns recht chronologisch durch seine eigenen Projekte (kommerzielles Illustrieren war ihm irgendwann zu unspannend), wie Hate Mail (man schickt ihm per Twitter seine Adresse und bekommt eine Postkarte, die einen im gnädigsten Fall mit »You are shit with boats« beschimpft oder ein Rubble-Adventskalender, indem er reale Personen jeglicher Statur und Alters in ganz England gecastet hat, sie nackt illustrierte, und denen man Tag für Tag die Kleider vom Leib rubbeln kann.
Mr. Bingo ist wohl unter allen Vortragenden derjenige, der Social Media nicht nur als Mittel zum Zweck sieht, sondern den Umgang als Kommunikationsmittel  sehr bewusst mit in seine Arbeiten aufnimmt und auch mit Crowd-Funding Plattformen (er rast dafür!) Projekte finanziert. Mittlerweile passiert es Mr. Bingo wohl immer öfter, daß er Projekte angeboten bekommt, in deren Ausführung er aber absolut frei ist und da schreckt ihn nix (Scham ist sowieso nicht so sein Ding):
Tapete für einen Konferenzraum, deren Muster sich aus vielen „Meeting-Illustrationen“ zusammensetzt, die bei genauerem hinsehen doch eher Splatter-Meeting-Phantasien entsprungen zu sein scheinen. Oder ein Bieretikett für eine Brauerei, das sich herrlich inkorrekt ganz weit unter der Gürtellinie ansiedelt.
Mr Bingos Art zu zeichnen und sein Humor (»I’m a charming sociopath«) sind ist sicherlich nicht jedermanns Geschmack: »Do your mum and dad understand what you do?« – »They have a vague understanding of what I do but I don’t think they’ll ever understand how and why it works.«

… und man würde ihm gerne noch stundenlang zuhören, wenn da nicht diese unbequemen Stühle in der Kongresshalle wären, auf denen wir nun ja seit fast 10 Stunden sitzen. Uff.

Und jetzt Applaus, Applaus, alle auf die Bühne, mehr Applaus und noch mehr Applaus. Der Absacker um die Ecke wartet schon…

Ein kleines Fazit zum Schluss:
Alle Vortragenden hatten einen faszinierend gemeinsamen roten Faden in ihrer Unterschiedlichkeit: Den ganz eigenen, kreativ individuellen Weg, neugierig und offen für alles Neue, unbeirrt gegangen zu sein, zu gehen, und weiter zu gehen. Hope is deliverance!
Oder frei nach Mr Bingo: If you don’t understand what I’m doing, you are stupid!

Das war die TOCA ME 2018 in München: großartig!
Und wir waren dabei! Tschüss, bis nächstes Jahr!

Titelbild: 1000lights.de